januar 2017 | monatsrückblick

29 Januar 2017

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Und schon ist auch der erste Monat des Jahres vorbei - wie schnell das immer geht. Wir haben euch hier unsere Monatshighlights zusammengefasst und möchten euch erzählen, was wir alles so erlebt haben. 



f i l m e

Normalerweise gehe ich nicht so oft ins Kino, doch diesen Monat hat es gleich zweimal gereicht. Ich habe die beiden Kinobesuche mit meinen Liebsten sehr genossen, die Sitze waren kuschelig warm und die Atmosphäre sehr angenehm.

Den ersten Film, den ich gesehen habe ist domain tout commence oder Plötzlich Papa von Hugo Gélin. Die Hauptrolle in diesem Film spielt Omar Sy, er ist wohl einer der bekanntesten französischen Schauspieler (Intouchables / Ziemlich beste Freunde) und spielt meiner Meinung nach echt phantastisch. Es ist ein Familienfilm - Omar Sy ist Vater geworden und die Mutter des Kindes lässt ihn mit dem Baby im Arm am Strand stehen. Gloria wächst zweisprachig in London auf und ihr Papa versucht ihr das perfekte Leben zu ermöglichen, die Wohnung ist ein absolutes Kinderparadies - meterhohe Playmobilfiguren zieren die Räume und selbstverständlich fehlt auch keine Rutschbahn in der Wohnung. Mit Märchengeschichten erzählt Samuel (Omar Sy) seiner Tochter Lügengeschichten von ihrer (Geheimagenten-) Mutter, die eines Tages wieder auftaucht und ihre Gloria wieder zurück möchte. So einfach ist das natürlich nicht und der Film endet in einem einzigen Drama. Ich habe mich wohl von den vielen Witzen und von der Atmosphäre des Filmes etwas blenden lassen, schlussendlich ist dieser Film nämlich nicht schlecht mit Stereotypen bedient, überdramatisiert, kitschig und einfach gute Unterhaltung (obwohl ich, mein Bruder und meine Eltern am Ende Tränen in den Augen hatten - das muss man auch einmal schaffen). Leider gibt es schlussendlich einfach mehr Kritik, als Lobpunkte an diesem Film und doch hat er mir irgendwie ganz gut gefallen. 

Der zweite Film, den ich gesehen habe war Welcome To Norway von Rune Denstad Langlo - ein Arthouse Film. Die Atmosphäre dieses Films war auch einfach wunderbar! Schauplatz ist Norwegen, irgendwo im nirgendwo. In einem verlassen Dörflein konnte Primus seine Idee, ein Hotel auf seinem Grundstück zu haben, nicht ganz verwirklichen. Also beschliesst er, fünfzig Flüchtling in dieser Bruchbude aufzunehmen. Auch hier werden einige Stereotypen bedient, wer hat's gedacht, natürlich ist er Ausländern abgeneigt und hält den Angekommenen alles mögliche vor. Selbstverständlich gibt es unzählige Konflikte, von der Trennung der Geschlechter und Religionen in den verschiedensten Zimmern und auch Probleme untereinander oder in seiner Familie. Auch hier - echt tolle Unterhaltung, ein sehr amüsanter Film. Ich habe mich in Norwegen und seine Landschaften verliebt, in die Sprache und in die Atmosphäre, die leicht melancholisch ist. Im Unterschied zum Film von Hugo Gélin, ist hier überhaupt nichts kitschig, und Hollywood angehaucht ist erst recht nichts. Ein noch sehr echter und wahrer Film, der aber voller schwarzer Humor ist und alles in allem auch keine neue oder besonders tiefgründige Message mit sich trägt. 


a u s s t e l l u n g


Haus Konstruktiv, Zürich
Wir haben uns diesen Monat ins Haus Konstruktiv aufgemacht um uns eine Ausstellungen anzusehen. Konkrete Kunst ist eigentlich nicht so Maras Ding. Anaïs hingegen finde es oft spannender abstrakte Kunst zu sehen, als 'Bilder in einem Rahmen', obwohl das ja auch echt doof gesagt ist - es gibt so viele Arten der Kunst, was ja auch gerade das Schöne an ihr ist. Eine Ausstellerin war Nairy Baghramin, eine iranische Künstlerin. Sie hat mit den Erwartungen der Besucher gespielt - in einem grossen Raum mit viel Leere wurden abstrakte Skulpturen ausgestellt und zu tatsächlichen Motiven wie Mund oder Knochen gemacht - mit viel Fantasie. Der für uns spannendere Teil kam vom Zürcher Christian Herdeg. Er betreibt seit vierzig Jahren 'Lichtkunst'. In seiner Ausstellung Lyrical Minimalism (was für ein wunderbarer Titel!) stellte er Neonröhren aus, die in geometrischen Figuren und diversen Materialien aufgestellt waren. Er erweiterte die normalen Neonröhren um 300 Nuancen! Hier gab es viel spannendes zu sehen, es war das reinste Farbspektakel der unterschiedlichsten Neonröhren in den unterschiedlichsten und undefinierbaren Formen. Eine letzte Ausstellung war von Gemälden belegt, die ebenfalls sehr farbig und formenreich waren. Es wurde experimentiert - mit Kugelschreiber und Acrylfarbe. 


   

   

Photobastei, Zürich
Die Photobastei zählt schon seit einiger Zeit zu meinen liebsten Anlaufstellen für photographische Kunstwerke in Zürich. Das wegen einiger Faktoren, denn es ist zufälligerweise auch in einem meiner Lieblingsgebäude der Stadt (habt ihr das auch, Lieblingsgebäude?) - denn darin sind ganz viele kreative und politische kleine Organisationen vorhanden, die Türe ist immer geöffnet und alle Menschen herzlich, es hat einfach eine besondere Ausstrahlung. Auch was die Kunst angeht wird man hier eigentlich nie enttäuscht, wenn man sich für Photographie interessiert, und das tue ich. So findet zu jeder Zeit praktisch drei verschiedene Ausstellungen statt und man kann sich tatsächlich nicht satt sehen. So ging es zumindest mir (Mara) und Miriam, eine Freundin, die mit mir da war. (Übrigens, nur ein kleiner Pluspunkt, aber immerhin - die Photobastei hat am Samstag bis um zwei Uhr nachts offen, falls ihr nach Mitternacht mal einen künstlerischen Snack braucht!) Wir sahen Arnold Odermatts Werke, welcher zuerst ein einfacher Dorfpolizist war, aber nun von der ganzen Welt entdeckt wird aufgrund seiner Photographien. Ich bin der analogen Photographie zwar verfallen, aber motivtechnisch fand ich diese Bilder eher weniger ansprechend, da viele Autos abgebildet wurden. Hinter der Bar jedoch befanden sich noch zwei faszinierende Ausstellungen, einerseits 'Welljump to Zurich', der Titel ist unglaublich passend. Die Ausstellung ist ein persönlicher Blick auf Zürich und lässt die Arbeit eines Photographen (Marcel Sauder) mit der einer Contemporary-Tänzerin (Kuan-Ling Tsai) aufeinandertreffen, es geht um absurde Situationen, die plötzlich völlig normal erscheinen... Tim Hall hat mit unglaublichen Landschaftphotographien beeindruckt, auch wenn ich Schnee weniger mag, ist er solch ein wunderbares Element, welches Hall gekonnt inszenierte in seinen atemberaubenden Photographien, und doch brach er auch hier mit seinen eigenen geschaffenen Formen und überraschte  uns immer wieder. Schön waren hier auch die Zitate, die zwar zum Thema der Berge passten, aber auch davon abgesehen wunderbar poetisch waren.



b ü c h e r

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück, François Lelord
hier geht es zur Buchbesprechung

Bitter Sweet Love, Michael Faudet
eine Fortsetzung eines Gedichtbandes voller Liebe

Wie wir leben wollen, verschiedene Autoren
Texte über Solidarität und Freiheit mit einer wichtigen Botschaft, ein Buch, das gelesen werden muss.  Ein literarisches Meisterwerk

Finding Cinderella, Colleen Hoover
ein kitschiger Jugendbuchroman von einer Autorin, die weiss wie man fesselnd schreibt

Der Vorleser, Bernhard Schlank
Eine Liebesgeschichte zur Zeit des zweiten Weltkriegs, eine Schullektüre, die mir gefallen hat

Eine Träne, Ein Lächeln, Luna Al-Mousli
44 Erinnerungen an Al-Mouslis Herzensstadt, Damaskus, voller Zeichnungen und Worten so warm und so strahlend wie die Sonne über der syrischen Hauptstadt und doch auch bedrückend

Die ehrbare Dirne, Jean-Paul Sartre
Aktueller geht es wohl nicht, wennschon Sartre sein kurzes Theaterstück um 1950 verfasste - mehr dazu sollte noch folgen

Let Them Eat Chaos, Kate Tempest
Ein Album als Lyrikband voller Geschichten und einem brillianten roten Faden, wunderschöne, lebensnahe Poesie von einem wahrem Talent, hier mehr dazu und zu ihrer Person

The Girls, Emma Cline
Ein wahnsinnig gehyptes Buch, welches im Kalifornien der Sechz'ger spielt und das Thema eines Kults anschneidet, aber doch auch viel mehr als das ist, bald folgt eine genauere Besprechung

Wer wir waren, Roger Willemsen
Willemsen wollte einen Roman mit diesem Titel schreiben, doch  der Tod hinderte ihn daran. Hier versammelte der Fischer Verlag seine Gedanken in einem leidenschaftlichen Plädoyer



t h e a t e r / o p e r

Über zwei Theaterstücke, die wir im Januar sehen durften, werden wir euch in näherer Zukunft mehr berichten.

Die Entführung aus dem Serail, Wolfgang Amadeus Mozart, Opernhaus Zürich
Neuinszenierung von David Hermann, Musikalische Leitung Christoph Altstaedt
Es ist schon lange her, seit es mich das letzte Mal ins Opernhaus geführt hat, um tatsächlich eine Vorstellung zu sehen. Die Entführung aus dem Serail von Mozart wird oft als sehr aktuell bezeichnet. Sie war die erste österreichische Nationaloper und verschaffte dem jungen Salzburger schnell hohes Ansehen in Wien, dessen König die Oper auch in Auftrag gab. Die Geschichte handelt von Belmonte und seiner Geliebten Konstanze (beide haben, wie für die damalige Zeit üblich, eine Art Double im Rahmen einer anderen sozialen  Schicht, nämlich Pedrillo und Blonde, Diener und Hofmädchen  der beiden Hautpfiguren), welche geraubt wurde und nun von Bassa Selim in einem türkischen Harem gefangen gehalten wurden, genauso wie Blonde. Pedrillo und Belmonte treffen sich, als sie die beiden beifreien wollen, doch das ist natürlich leichter gesagt als getan. Die Neuinszenierung behandelt vor allem das Thema der Eifersucht, welches im Originalstück doch deutlich herausgelesen werden kann, aber nie zuvor mit einer solchen Tiefe im Rahmen dieser Oper verarbeitet wurde. Ausserdem spielt sich die ganze Geschichte in Belmontes Kopf ab, was durch Soundcollagen vom rauschenden Blut et cetera unterstrichen wurde. Ich habe die Oper und den ganzen festlichen  Anlass sehr genossen, aber dafür, dass ich selten Opern sehe, blieb sie mir nicht wirklich stark im Kopf und ist einfach gute Unterhaltung, natürlich auf anderem Niveau als übliche schauspielerische und dramaturgische Leistungen. Genossen habe ich aber vor allem die hervorragende Musik - hier ist es ganz anders und alle Arien summen noch in meinem Kopf herum.

wie wir leben wollen | buchbesprechung

25 Januar 2017

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Ein Buch, das gelesen werden muss. Mit einer Botschaft, die verstanden und verbreitet werden muss. Ein literarisches Meisterwerk. Eine Buchbesprechung, die mir am Herzen liegt.


Warum bin ich in dieses Land gekommen? Was soll ich hier? Und wovor fürchtet ihr euch eigentlich? Hunderttausende Menschen suchen derzeit Zuflucht in Europa. Eine junge Generation von Autorinnen und Autoren will herausfinden, was in dieser neuen Lebensrealität Heimat, Fremde und Identität bedeuten - für die aus ihren Ländern Geflüchteten ebenso wie für uns. In literarischen und essayistischen Texten Zeichen sie voll Sehnsucht, Wut und Engagement ein Bild unserer Gesellschaft, wie es aktueller nicht sein könnte.

Wie wir leben wollen ist definitiv ein neues Lieblingsbuch mit einer Botschaft, die - wie wir Jugendlichen heute so schön sagen - slayt (eigentlich erschreckend, dass die Übersetzung vom Englischen 'to slay' jemanden umbringen / erschlagen / ermorden heisst und wir es trotzdem mit etwas durchaus positivem assoziieren). Dieses Werk, ist echt etwas besonders. Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem einfach alles gestimmt hat. Noch viel wunderschöner machte dieses Buch der Fakt, dass es von vielen verschiedenen Autoren und Autorinnen verfasst wurde. Jede(r) hat mit seinen Texten etwas in mir ausgelöst. Einige sind mir mehr geblieben als andere, aber alle haben sie irgend einen Zauber hinterlassen. 

Von unserem einzigen Holländer, dem Michel, der mal bei einer Polizeikontrolle auf die Frage, 'Geboren?' mit 'Ja' geantwortet hatte. - Saša Stanišić



In allen fünfundzwanzig Kapiteln ist das Grundthema die Fremde, die Flüchtende verspüren, wenn sie in einem anderen Land ankommen. Das Buch spricht also die aktuelle Flüchtlingskrise an, lässt aber auch genug Platz für andere Themen. Einmal geht es um China, ein anderes Mal um Burundi. Auf die Flüchtlingskrise wird teilweise direkt Bezug genommen, doch in manchen Geschichten sind  auch nur Parallelen mit diesem "Grundthema" zu erkennen. Es geht um Heimweh, das Ankommen in einem fremden Land, Fremdenhass, Angst vor dem Fremden und wie wir und wie die "Fremden" damit konfrontiert werden. 


Sei es, wir selbst in einem anderen Land, in dem wir fremd sind und abwertend angestarrt werden - einmal nicht die Macht in der Hand haben, oder sei es die Schwierigkeit als Mutter mit einem adoptierten nicht grünäugigen Kind zu reisen. Das Buch ist so vielfältig und sticht genau durch diesen zu bietenden Reichtum heraus. In diesem grandiosem Werk berichten auch Autoren, die aus der Fremde flüchten mussten, aus eigenen Erfahrungen und von ihren Ängsten. Ich finde es beeindruckend, dass nur ein Buch es schafft, mir eine neue Sicht auf die Geschehnisse der Welt zu geben. Dieses Buch hat es geschafft mich völlig in einen Bann zu ziehen, mich zu belehren, mich in meinem Denken zu bescheinigen und mich zu motivieren - in jeglicher Hinsicht: Ich bedürfe selber solche Texte zu verfassen, selber mehr zu tun - zu helfen, zu reden und zu überzeugen, dass es blödsinnig ist, sich vor dem Fremden zu fürchten. Das Buch macht einem fertig und zeigt einmal mehr wie ohnmächtig wir eigentlich gegenüber allem sind, was in der Welt passiert. Gleichzeitig aber zeigt es uns auch, dass wir eben etwas gegen diese Umstände tun müssen, dass es wichtig ist einzugreifen, dass es wichtig ist zu helfen und dass es wichtig ist in Freiheit zu leben und Solidarität gegenüber anderen zu zeigen. 


Die eine Person heisst ich, die andere du. Vielleicht ist alles auch ganz anders, und du bist ich und ich bin du, und die Realität ist Fiktion und die Fiktion Realität. Und es gibt weder literarische Elemente noch diese Strassenbahnhaltestelle in Dresden, und vielleicht gab es auch keinen Spätsommer 2015. -Micul Dejun

Ich verspüre die unglaubliche Lust von jedem dieser fünfundzwanzig Autoren und Autorinnen ein Buch zu lesen. Matthias Jügler sagt es bereits im Vorwort und er hat ja so recht: Kann schreiben solidarisch sein? Die Antwort lautet: Ja, unbedingt. 


dazwischen: ich | livresque amitié

22 Januar 2017

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Wo Madina herkommt? das ist egal. Sie kommt von überall und nirgendwo. Sie musste fliehen. Und ist nun endlich angekommen, in einem Land, das Sicherheit verspricht. Für sie fühlt es sich hier nach Zukunft an. Doch nicht allen in ihrer Familie fällt es leicht, Fuss zu fassen. Ihr Vater zieht sich zurück, ihre Mutter schweigt. Und so ist es an Madina, tätig zu werden. Mittlerin zu sein zwischen ihrer Familie im Flüchtlingsheim und dem unbekannten Leben ausserhalb. Zerrissen zwischen ihren Eltern, die sie nicht loslassen wollen, und dem Wunsch, ein ganz normaler Teenager zu sein, nimmt Madina das Schicksal ihrer Familie in die Hand. Und findet in Laura eine Freundin, die für sie in der Fremde Heimat bedeutet. 



Mara -
'Dazwischen: ich' hat mich auch zwischen zwei 'Zustände' versetzte - einerseits liebte ich Teile des Buches und Ergüsse von Rabinowichs Schreibstil, andererseits empfand ich dann wieder vieles schrecklich aufgesetzt. Im Voraus habe ich ganz viele positive und begeisterte Stimmen gehört, denen ich mich so liebend gerne angeschlossen hätte, jedoch war das für mich zumindest einfacher gesagt als getan. Ich kann es nicht wirklich erklären, was mir am Buch missfallen hat, aber etas stimme für mich nicht ganz oder war nicht so richtig da.
Schön empfand ich Madinas Gedanken und Gefühle, die in kindlich-naiven Sätzen geäussert wurden, jedoch so einen wahren Kern enthalten und Madinas Menschenkentniss. Oft sind die Tagebucheinträge sehr feinfühlig und doch von Negativem 'gesäubert'; Ich mag nicht alles reinschreiben, was ich erlebt habe. Das Buch ist viel zu schön dafür. 
Der Schmerz ist jedoch immer zu spüren und macht Madinas Geschichte auch sehr authentisch.
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Anaïs -
Als ich an der Buchmesse mit Mara an der Lesung von Julya Rabinowich war, wussten wir nicht genau, ob wir uns das Buch zulegen sollten oder nicht - trotz jeglichen Empfehliungen. Leicht skeptisch begann ich dann die Lektüre und ich kann sagen, ich wurde definitiv nicht enttäuscht. Meine Angst, dass vielleicht zu belanglos um den Brei herumgeredet wird, ist während des Lesens verschwunden. Es gab durchaus Szenen oder Stellen, die mir etwas leicht dahingeredet vorkamen, aber das hat wohl vorallem mit Rabinowichs Sprache zu tun. Federleicht, kann man schon sagen. Dieses Buch liest sich sehr schnell und hat mir auf jeden Fall noch einmal einen ganz neuen Blick in die aktuelle Flüchtlingskrise gegeben. DIe Protagonistin Medina beschreibt auch ganz stark ihre Stellung als Frau in einer vierköpfigen Familie, und das hat mich schon sehr schockiert. Aber bei dieses Themen tut es das jedes Mal aufs neue wieder... Wir begleiten als Leser_innen den Alltag einer Asylbewerberfamilie und die damit verbunden Probleme - die oft auch einfach nur ganz ganz gewöhnliche Alltagsprobleme sind. Und gerade das hat für mich das Buch ausgemacht. So authentisch und angenehm dürfen wir Medinas Tagebuch lesen. Echt, echt toll. Ich würde sogar eine Fortsetzung im Buch sehe.
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An der Buchmesse diesen Herbst haben wir nicht nur Bücher angeschaut, sondern sind auch an verschiedene Diskussionsrunden gegangen, oder an Lesungen. Dazwischen:ich wurde uns im Vorhinein mehrmals empfohlen und dann machten wir uns auf an die Lesung von Julia Rabinowich, einer äusserst sympathischen Frau. Sie fand in eher kleinem Rahmen statt, die aber das Flair des Buches echt schön rübergebracht hat. Beim Lesen befindet man sich nämlich in einer anderen Welt, die uns so bekannt ist und uns doch den fremden Aspekt übermittelt. Es geht um Madina, ein Mädchen, das flüchten musste und jetzt hier in Deutschland, in ihrer neuen Heimat, mit einigen Problemen zu kämpfen hat. Es scheint, als wäre es eine "klassische" Geschichte, die in der jetzigen Flüchtlingskrise so geschrieben und erlebt wird, dieses Mal eben aus der Sicht eines Mädchens. Julia Rabinowich hat einen sehr abgehackten Schreibstil und bringt uns so auf eine ganz andere Art bei, dass dieses Mädchen noch Mühe mit der Sprache hat und eben noch jung ist. Auf jeden Fall auch ein Buch für dazwischen und für eher etwas jüngere Leser und Leserinnen. Von daher echt schön, dass es immer mehr Jugend und Kinderbücher gibt, die dieses Thema behandeln. Uns wurde aber der ganze Schreibstil und dann die doch leicht seicht erzählte Geschichte etwas zu viel, so dass wir dem Buch nicht unser ganzes Lob aussprechen können.







kate tempest - let them eat chaos und mehr

18 Januar 2017

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Selten hat mich ein Mensch so fasziniert wie Kate Tempest. Vorab allem anderen: Ja, sie ist ein wahrhaftiger Sturm, im überwältigsten aller Sinne und auch im intellektuellen. Ich möchte euch heute die junge Londonerin und ihr vielfältiges Talent vorstellen, mit passenden Soundtrack: klick


Dieser Song ist in seiner Heftigkeit faszinierend, in seiner Botschaft metaphorisch und dennoch schmerzlich genau, er ist ein Wunderwerk und kann definitiv nicht genug oft gehört werden, auch wenn ich euch empfehle, nach dem ersten Hören ein intensives Auseinandersetzen mit dem Song einzulegen. Kate Tempest ist in ihrer Radikalität fast minutiös genau, indem sie unsere Gesellschaft und Generation anhand von sieben vielschichtigen Charakteren in ihren Werken auseinandernimmt und untersucht, und dabei poetisch wie keine Zweite. 2016 kam ihr drittes Album Let Them Eat Chaos raus, gleichzeitig verband sie die Songs in einem gleichnamigen Lyrikband mit einer skurrilen und stark metaphorischen Rahmengeschichte. Denn neben dem Kennenlernen dieser sieben unterschiedlichen Persönlichkeiten sehen wir auch, wo diese verbunden sind. Sie wohnen all in derselben Strasse in einem Londoner Randquartier, und sie alle sind mitten in der Nacht wach - die Uhr zählt 4 Uhr 18. Ausser ihnen schläft jedoch jeder. Es brodelt sich ein Sturm zusammen und nur unsere wachen Protagonistinnen realisieren dies, wenn auch sie ihre Zeit dafür brauchen, da sie jeweils in ihrem eigenen Leid versinken. Als der Sturm sie zum Aufbrechen zwingt, erblicke sie sich auf der Strasse und so zwingt dieser Sturm auch zur Auseinandersetzung mit fremdem Leid, vor allem aber dem der Welt. Politischer geht es kaum, ohne dabei je wortwörtlich auf Politik zu sprechen kommen. Das ganze Buch ist ein einziges Gedicht, zum lauten Vorlesen gedacht und dann wird man von einer wuchtigen Intensität überfallen und reich mit wunderbarer Poesie beschenkt. Das Spezielle i-Tüpfelchen ist definitiv der Rhythmus, den sich die einzelnen Abschnitte teilen, da die Texte ja auch als Songlyrics dienen.


Jedoch ist hier noch lange nicht das Ende, genauer wird die Geschichte der Sieben in Tempests erstem Roman The Bricks That Built The Wall // Worauf du dich verlassen kannst; er wartet noch darauf, von mir gelesen zu werden, während ich dies kaum erwarten kann. Musikalisch gibt es drei Alben voller Glanzleistungen, während ein weiterer Lyrikband Hold Your Own sogar auf Deutsch übersetzt wurde und bei Suhrkamp erschien, glücklicherweise aber in doppelsprachiger Ausgabe, sodass man auch das Original lesen kann. Er soll eine Geschichte mit wunderbar komponierten Worten darstellen, eine Neuerzählung eines griechischen Epos. Tempest brachte noch dazu und scheinbar nebenbei in den letzten fünf Jahren drei Theaterstücke und eine längere Spoken Word Performance auf die Bühne. Kate Temepst steht für schmerzliche Substanz, politische Dringlichkeit und ein unfassbares Wunder an Talent.




hoi mara <3 salut anaïs! <4

tipha | feministische mode

15 Januar 2017

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Heute machen wir etwas Eigenwerbung, aber wir stehen voll und ganz hinter diesem Projekt und freuen uns total, dass wir das verwirklichen konnten und  sogar schon erste kleine Erfolge feiern konnten. Es geht um TIPHA - feministische Kleidung, die wir per Siebdruckverfahren bedruckt haben und nun auf Kleiderkreisel verkaufen.

Wir freuen uns riesig, euch nun etwas näher zu erklären, was wir hier auf die Beine gestellt haben. Wegen Geldmangel vor der Frankfurter Buchmesse, versuchten wir verschiedenste Dinge, um an etwas Geld zu kommen. Mara erhielt eine Woche davor mit der Schule eine Einführung ins Siebdruckverfahren in einer Werkstatt in Zürich und wollte mir das unbedingt zeigen. Da kam uns die Idee selber Kleider zu bedrucken und diese dann an Freunde oder an einem Flohmarkt, im Internet oder sonst wo zu verkaufen. Wir haben uns auf die Suche nach Vintage Kleidung gemacht und dann zuhause ganz sorgfältig Motive ausgesucht, die wir dann aufdrucken wollten. Von wirren Gesichtern bis hin zu schönen Frauen und Händen, ist alles dabei. Die Kleider haben wir dann in die Siebdruckwerkstatt mitgenommen und bedruckt. Eine echt tolle Erfahrung für mich - Mara hat mich da ganz viele Tipps und Tricks gegeben und ich habe einen ganz neuen Eindruck der Mode und Kunst erhalten. Wenn ihr gerne wollt, können wir euch auch gerne einmal eine Anleitung oder so einen Ablauf zeigen. Früher oder später wird es uns bestimmt wieder in eine Siebdruckwerkstatt ziehen! Die Motive sollen bewusst provozieren, haben feministische Statements abgedruckt und sind auf jeden Fall ein Hingucker. Am liebsten wollen wir sie alle selber behalten, aber die Kleider anzuprobieren und Fotos damit zu machen hat schon viel Spass gemacht. Hier eine kleine Sneak Peek unserer Kleidungsstücke - wäre toll, wenn ihr einmal auf Kleiderkreisel vorbei schauen würdet. Wer weiss, vielleicht wirst du bald Besitzer_in eines Stückes!



















































die wahre geschichte von regen und sturm | livresque amitié

11 Januar 2017

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Ruth mag Wörter vor allem Homophone, so wie "Ruth" und "ruht". Auch ihrem Hund hat sie einen Homophonnamen gegeben: Regen, denn er wurde im Regen gefunden (sich regen!). Als ein Hurrikan die kleine Stadt heimsucht, geht Regen im Unwetter verloren. Ruths Vater hätte den Hund nie rauslassen dürfen. Bei Sturm! Ohne Halsband! Verzweifelt macht sich Ruth auf die Suche. Ein Glück, dass sie noch Onkel Weldon hat, der sie so viel besser versteht.





Mara: Regen und Sturm ist definitiv für eine etwas jüngere Zielgruppe - und auch wenn wir nicht unbedingt in solchen Kästen denken möchten, hätte es mich vor einiger Zeit womöglich mehr angesprochen. Jetzt fühlte ich mich einfach gut unterhalten - eine spannende und wichtige Story, mit viel Witz erzählt und auch mehr dahinter, jedoch nicht wirklich für mich, der Zauber sprang nicht ganz rüber und bis zum letzten Wort fehlte mir ein bisschen was, ohne dass ich genau sagen kann, was.

Anaïs: Definitiv war Regen und Sturm eine Geschichte für vielleicht etwas jüngere. Es kommt ja auch nicht von nirgendwo, dass der Verlag, den wir so gerne mögen, eben KönigsKINDERverlag heisst. Mich hat es dennoch nicht gestört, dass das Buch für Jüngere geschrieben ist. Ich konnte mich darauf einlassen und habe es sogar richtig genossen, dass der Schreibstil so kindlich war. Es hat ganz schön gepasst.
Mich hat vor allem auch der Plot begeistern können. Ich habe mich mit dem Thema Stromausfall beschäftigt und finde es unglaublich interessant. Basierend auf einer wahren Geschichte konnte ich deshalb vieles sehr gut verstehen und mitfühlen.


M:Ja, das war bei mir ähnlich - ich mag sowas manchmal zum abschalten. Wirklich länger beschäftigt hat mich das Buch aber nicht, was zwar zu erwarten war, für mich aber immer wieder schade. Stimmt, beim Plot war die Thematik durchaus passend bei Dir. Konntest Du dem ganzen Rest denn sonst noch viel abgewinnen?

A: Mir gefielen die neuen Aspekte, die ich durch das Buch gewonnen habe. Es hatte keinen Nachdruck in dem Sinne, dass es mich länger beschäftigt hat, aber ich hab Polynome kennengelernt und mehr über solche Wortspiele erfahren. Das interessiert mich und ich finde das immer auch ein netter Pluspunkt - Wissen.


M: Total, und es hat der Geschichte auch beigetragen, dieser Aspekt, zumal es ja einfach dazugehört, da sie autistisch ist. Ich weiss eben einfach nicht wirklich, was ich zum Buch sagen kann oder möchte - wie erwähnt war es süss und spannend, aber mehr für mich eben leider doch auch nicht und so sehe ich auch wenige Punkte zu besprechen, wenn ich ehrlich bin.

A: Mir geht es ähnlich, zumal die Geschichte ja auch eher wenig Inhalt hat. Sie war einfach sehr atmosphärisch. Das Cover und die Gestaltung des Buches sind aber wunderschön und sehr passend. Die nachdenkliche Ruth zusammen mit ihrem Hund Regen. Ein süsses Buch für zwischendrin, allerdings eher für etwas jüngere Leser und Leserinnen.




drei grossartige kinofilme | dancer / paterson / daniel blake | filmbesprechungen

08 Januar 2017

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Heute möchte ich wieder einmal auf das bewegte Bild zu sprechen kommen. Weihnachtsferien bedeuten für mich immer ein Abschalten und Runterkommen in vielen Bereichen, aber definitiv nicht, wenn es um Kultur geht. So ist es die Zeit, in der ich oft am meisten zum Lesen komme. Kultur schliesst aber eben, wie schon erwähnt, auch das bewegte Bild nicht aus, auf das ich in diesem Beitrag genauer zu sprechen komme. Denn tatsächlich habe ich es geschafft, drei Filme im Kino zu sehen, bevor sie ablaufen - jedenfalls in Zürich. Und, die viel wichtigere Besonderheit - ich kann sie euch allesamt nur zu Herzen legen. Aber fangen wir mal an.

'Dancer' von Steven Cantor
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Am längsten zurück liegt mein Kinobesuch von Dancer, ich habe den Film im Rahmen des Zürcher Filmfestivals sehen dürfen. ER ist das neuste Werk von Steven Cantor, Regisseur sowie Produzent unzähliger anderer Titel, die mir aber alle unbekannt sind. Dennoch ist diese atemberaubende Dokumentation Grund genug, sich mit weiteren seiner Werken zu verfassen. Der schlichte, beinahe einfallslos wirkende Titel verrät schon alles und hat wohl keinen Film und kein 'Tänzer' selbst besser beschrieben als Sergei Polunin und die Dokumentation über sein Leben und seine Tanzkunst.
Dabei ist sie mit einer fast plotartigen Spannung versehen. Denn Polunin begann das Tanzen in jungen Alter, angetrieben von seinem aussergewöhnlichen Talent und dem Wunsch, die Familie zusammenzuhalten. Jedoch basiert solche Entwicklungen nicht auf den Erfolgen des Sohns, wie auch Polunin schmerzhaft feststellen muss - noch dazu passiert die Trennung beinahe doppelt für ihn, denn die Annahme an einer der renommiertesten Tanzschulen bedeutet nicht nur eine harte Zukunft in Betracht von Stunden innerhalb verglaster Tanzsäle, sondern auch ein Wegzug von seiner Familie und seiner Heimat.
Doch wir sehen vor allem sein Talent, seine Faszination für die Bewegung, für die Emotionen auf der Bühne, der totalen Anspannung eines Körpers, dessen Verkrümmungen und all die Möglichkeiten, zu tanzen, in jedem Augenblick. Kein Film zeigt wohl schöner, was Tanz alles kann, als Dancer. Aber er kann nicht alles retten. Und er kann nicht alles abhalten. So waren es die Medien und die Drogen, die einen Fall, Polunins Fall verkündeten. Vielleicht war es aber auch alleine die Gewissheit, dass er der stärkste Tänzer der Welt ist. Dass er ganz oben angekommen ist, und wie die obersten Stockwerke, die obersten Ausichtsplattformen es so an sich haben, geht es nicht höher und es umgibt sie ein Gerüst, wenig anders war es für ihn. Für Polunin gab es nichts anderes mehr als der Tanz, und deswegen - 'he just exploded'. Vielleicht hat er sich da einfach rausgestürzt, war nicht mehr gefangen. Denn zum ersten Mal wechselte er die Seiten, war kreativ und kreierte sein eigenes Stück zu Hoziers Welthit 'Take Me To Church', um Abschied zu nehmen von der Tanzwelt. Und dieses Projekt, dieser Abschied ist gleichzeitig der Beginn. Denn Polunin tanzt noch immer, wie wir erfahren, eine Botschaft, die wohl für alle Zuschauer_innen die frohste Botschaft seit langem ist, so stark fährt einem dieser Film ans Herz.
Kurgesagt, Dancer kombiniert das Beste von Tanz und Film, das Beste beider Welten und ist mit Abstand einer der stärksten Künstlerbiographien die das Kino je zeigen wird, da glaube nicht nur ich fest daran.

Bildergebnis für sergei polunin 2014Bildergebnis für sergei polunin 2014Bildergebnis für sergei polunin 2014



'Paterson' von Jim Jarmusch

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Vor wenigen Wochen habe ich den bis dahin neusten Wurf von Jim Jarmusch gesehen; in Only Lovers Left Alive geht es um Vampire. Erstmal abschreckend, ich weiss. Aber dafür muss man Jim Jarmusch kennen - was ich natürlich noch nicht wirklich tat. Bei ihm stehen Vampire dafür, unglaublich viel Lebenszeit zu haben, um sich zu bilden. Sie sind kultiviert und intellektuell, setzen sich in ihren vielen Jahren mit Musik und Literatur auseinander, kennen die Verfasser von Werken wie Shakespeare und führen Fernbeziehungen - Detroit und Tanger. Tilda Swinton und Tom Hiddleston, wunderschöne Bilder und ein fantastischer Soundtrack faszinierten mich und überzeugten mich von A bis Z.
Und dann erschien Paterson. Paterson scheint ein typischer Jim Jarmusch Film zu sein. Er ist ruhig, widmet sich etwas eigenwilligen Personen und zeichnet sie unglaublich liebevoll mit all ihren Seltsamheiten, welche von der Kamera besondere Augenblicke geschenkt bekommen. Die Ortschaft ist hier keine poetische Metropole, ihr wird aber genauso viel Herzblut gewidmet: die Stadt in New Jersey teilt sich ihren Namen mit dem Protagonisten. Und dieser teilt sein Herzblut wiederum mit seiner Freundin und dem Schreiben. Er ist Busfahrer und beobachtet die alltäglichen Szenen und denkt sich dabei, was er will - genauso wie wir, viel mehr bekommen wir nämlich nicht mit. Der Film zeigt eine ganze Woche von Paterson, ein Busfahrer, der sich 'der Poesie verschrieben hat' (mit viel Hingabe: Adam Driver) und Laura (eine sehr herzensgute und wunderschöne Golshifteh Farahani) und zeigt doch so viel mehr, eigentlich ihr ganzes Leben oder ihr Ideal. Denn sie sind von Grund auf zufriedene Menschen, zufrieden in dem, was sie tun, was sie haben und was sie sich einander geben, auch wenn sie nicht ihre Träume in einer Absolutheit teilen, die sich wohl viele andere Menschen zum Ziel setzen. In ihrer poetischen Ruhe haben beide Filme also viel gemeinsam, auch wenn in seinem Film von 2013 der Fokus auf der Langeweile des Lebens ruht und hier auf den schönen Moment des Alltags - es sind kleine Wunderwerke die man einfach lieben muss, sie sind innig und tragen alle viel Liebe in sich.  
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I, Daniel Blake von Ken Loach

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Auch hier ein Meisterwerk eines Regisseurs, der sein Handwerk mehr als einfach nur beherrscht, wie ich gehört und bei diesem Film gemerkt habe. I, Daniel Blake ist mein erster Film von Ken Loach und doch scheint auch bei ihm ein roter Faden durch. Sight and Sound schreibt zu I, Daniel Blake 'Ken Loach is back with a protest cry for common humanity'. Die Geschichte von Daniel Blake ist wohl irgendwie der gewöhnlichste Film von allen dreien, wenn man nach den üblichen Bewertungsschemen geht: es ist ein Spielfilm und es passiert auch deutlich mehr als in Paterson. Und doch liegt er mir mindestens so sehr wie die anderen beiden am Herzen. Die Aussage ist hier zwar klar, aber unglaublich schwierig in Worte zu fassen, wie der ganze Film. Unser Protagonist und in diesem Fall wirklich überzeugender Held Daniel Blake ist 59, Witwer und war sein ganzes Leben lang Schreiner. Ein Unfall, dann ist nichts mehr wie davor. Der Film steht also in gewissem Masse dafür, wie schnell man in unserer Gesellschaft abrutschen kann und wie die Bürokratie im Wesen der Sozialhilfe da nur beitragen, anstatt wirklich zu helfen. Auf seinem Weg (runter) trifft er Katie, alleinerziehende Mutter zweier bezaubernder Kinder, der es ähnlich geht. Und auch ansonsten trifft er auf ziemlich viele Menschen, die bereitwillig sind zu helfen, die aus der Unterschicht - die einzige Hoffnung und vielleicht auch der einzige überspitzte Punkt in diesem Drama, das das Leben schrieb. Ich möchte gar nicht zu viel vom Film verraten, möchte euch lieber einfach versichern, dass ihr Daniel Blake und Katie nicht so schnell vergessen werdet. Stücke aus dem Film kann man überall finden, womöglich fand so auch Ken Loach Inspiration für sein starkes Werk. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Szene, die ich in unserem Zürich miterlebt habe - ein Bettler teilte sein Geld mit einem anderen Clochard, der auf Kleingeld angewiesen war, sichtlich wurde, dass sie sich zumindest zuvor nicht kannten. Oder als ich wenig Tage nach dem Kinobesuch in den Medien (hier) ähnliche Geschichten entdeckte. Dass das Leben viel häufiger eine dramatische Wendung in diese Richtung nimmt (Sozialhilfeempfänger_innen, dieses Schicksal müssten rund 10% der deutschen Bevölkerung kennen...), passt nicht zu den oft verfilmten Schicksalen von Erfolg und Reichtum und nicht nur deswegen ist I, Daniel Blake wichtig - auch sonst ist er von Meister_innen geschaffen und absolut sehenswert, Dave Johns und Hayley Squires in herzbrechenden und doch auch mutmachenden Hauptrollen beispielsweise.

Bildergebnis für daniel blake




hectors reise oder die suche nach dem glück | buchbesprechung

04 Januar 2017

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Es war einmal ein junger Psychiater, der Hector hiess. Er trug eine kleine, intellektuelle Brille und verstand es, den Leuten mit nachdenklicher Miene und echtem Interesse zuzuhören. Hector war ein ziemlich guter Psychiater. Und trotzdem war er mit sich nicht zufrieden. Weil er ganz deutlich sah, dass er die Leute nicht glücklich machen konnte. Kurz entschlossen begibt sich Hector auf eine Weltreise, in der Hoffnung, das Geheimnis des Glücks zu entdecken. Und allen, denen er begegnet, stellt er dieselbe Frage, die bei Männern meist Belustigung, bei Frauen eher Tränen hervorruft: Sind Sie glücklich? Warum träumen wir so oft von einem glücklicheren Leben? Liegt das Glück im beruflichen Erfolg oder im privaten? Hängt es von den Umständen ab oder von unserer Sichtweise? Am Ende seiner Abenteuer weiss Hector dreiundzwanzig Antworten - und dass nichts einfacher ist als wahres Glück.




Von diesem kleinen Wunderwerk habe ich zuvor noch nie etwas gehört. Ich habe es von einer guten 
Freundin zu Weihnachten geschenkt bekommen und an einem einzigen Tag durchgelesen. Seit ich es gelesen habe, gehe ich ein wenig anders durch die Welt. Das Buch hat mir in vielerlei Hinsichten die Augen geöffnet und mich inspiriert, belehrt und therapiert. Alles was erzählt wird, ist so simpel und trotzdem sehr  komplex. Der Protagonist, Hector, ist Psychiater und begibt sich auf eine Weltreise auf die Suche nach dem Glück. Er bemerkt, dass er seine Patienten zunehmend nicht glücklich machen kann, da er ihnen kein Antidepressiva oder sonst was verschreiben kann. Sie hatten keine Schicksalsschläge, keine schlechte Kindheit, kein einziges prägendes Unglück, das sie in ein Elend geführt hätte. Sie sind einfach nicht glücklich und gehen deswegen zu Hector in die Psychiatrie. Mit der Zeit merkt Hector, dass er ebenfalls nicht mehr richtig glücklich wird. Deshalb nimmt er sich drei Monate frei und geht zuerst nach China, dann weiter nach Afrika und in die USA. Auf der ganzen Welt befragt er Menschen und notiert seine Erkenntnisse über Gründe ihres Glücks. Er befragt Kollegen und Fremde und erstellt zum Ende des Buches eine Liste mit Faktoren für das Glücklichsein.

Ich habe selten ein solch lehrreiches Buch wie dieses gelesen. Ich habe während des Lesens viel über Psychiater gelernt, ihren Beruf und die verschiedenen psychischen Krankheiten der Patienten. Trotz der vielen Lehren hat es sich beim Lesen nicht als Lern- oder Pflichtlektüre angefühlt. Im Gegenteil, der Schreibstil war nicht besonders anspruchsvoll und sehr angenehm zu lesen. Mich hat das Buch wahnsinnig fasziniert. Das Thema Glück beschäftigt mich sehr oft und ich würde mich auch als einen sehr glücklichen Menschen bezeichnen. Dieses Buch hat mir das alles bestätigt, es war wie ein Selbsttest und eine Therapie zu gleich. Ich habe ebenfalls Erkenntnisse gesammelt und mich und meine Prinzipien auf eine ganz neue Art zu hinterfragen gelernt. Noch jetzt spukt mir das Buch immer wieder im Kopf herum...


Eine Erkenntnis, die Hector gemacht hat, hat mich besonders fasziniert und dabei ist mir irgendwie ein Lichtlein aufgegangen. Ein Professor des Buches sagt einmal, dass die Differenz folgender Faktoren, möglichst klein sein muss um glücklicher zu sein. Die Differenz zwischen dem, was du hast und gerne hättest. Diejenige Differenz zwischen dem, was du jetzt hast und was du in anderen Phasen deines Lebens hattest und zuletzt noch die Differenz zwischen dem, was du hast und dem, was die Anderen haben. Das ergibt irgendwie Sinn und diese Erkenntnis hat mich sehr geprägt. Mit diesem Selbsttest können wir wohl ziemlich genau sagen, ob wir nun glücklich sind, oder nicht.

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück ist ein ganz spezielles Buch. Ich habe noch nie eine solch ehrliche und psychologische Geschichte gelesen. Es ist nicht nur ein Buch, es ist viel mehr. Dieses Werk von François Lelord ist ein kleiner Guide fürs Glücklichsein und eine kleine  Lebensphilosophie. Ich möchte auf jeden Fall einen Fortsetzungsroman lesen. Es gibt auch einen Film von diesem kleinen Büchlein. Da weiss ich aber noch nicht, ob ich ihn mir anschauen werde. Ich möchte den Zauber, der dieses kleine Meisterwerk mir hinterlassen hat, nicht zerstören. 

10 Bücher für 2017

01 Januar 2017

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Heute hat also das neue Jahr gestartet - wie immer verbunden mit vielen Hoffnungen und auch vielen Vorsätzen. Wir wollen das Ganze ohne Druck starten und haben uns einfach mal gefragt, was wir sehr gerne lesen würden in diesem Jahr und zusammen eine  Liste von 10 Büchern aufgestellt, die sich bereits in unserem Besitz befinden, und die wir gerne lesen würden und euch nun vorstellen. Wir haben versucht, ganz viele verschiedene Bücher reinzupacken, zum einen haben wir Non-Fiction zum Thema Feminismus, zum anderen Kurzgeschichten- und Essaysammlungen, dann natürlich auch noch Romane. Vielleicht interessiert euch ja der ein oder andere Schatz, wir freuen uns sehr, von euch etwas darüber zu hören - habt ihr ein Buch davon zum Beispiel schon gelesen?


Untenrum frei - Margarete Stokowski

Das erste Buch, das wir gerne vorstellen möchten dreht sich um das Thema Feminismus. In diesem Buch geht es um Aufklärungsversuche, Gewalterlebnissen, Haaren und Enthaarung, Sex und Liebe. Margarete Stokowski schreibt hier von persönlichen Erlebnissen provoziert und achtet aufs Detail. Dieses Buch soll wohl humorvoll geschrieben sein und verspricht mir viel. Ich bin gespannt, wie sie es meistert ernste Themen mit philosophischen, politischen und wissenschaftlichen Analysen zu verbinden ohne dass dieses Buch zu einem Sachbuch wird. Ich habe sehr viel gutes darüber gehört und möchte demnächst mit dem Lesen beginnen.

Das antikapitalistische Buch  der Mode - Tansy E. Hopkins



Ich beschäftige mich sehr gerne mit Mode, es ist ein Thema, das mir Spass macht und mich einfach ganz allgemein interessiert, ausserdem finde ich, dass es unglaublich  stark mit dem Leben verbunden ist. Allerdings gibt es immer die Kehrseite, vor allem der heutigen Mode und dem damit verbundenen Konsum. Genau darum geht es in diesem antikapitalistischen  Buch der Mode, allein der Name sagt schon so viel. Die britische Journalistin Tansy E. Hopkins, die selbst Mode übrigens auch  sehr liebt, nimmt diese Industrie unter die Lupe und berichtet von der Produktion und der nicht wirklich existierenden Fairness in diesem Bereich, geht dann aber auch weiter und berichtet von Werbung, dem Körperbild und natürlich auch der Zugang unserer Konsumgesellschaft zu Mode. Ich freue mich wahnsinnig, hierbei viel zu lernen und mich tiefer mit Mode auseinandersetzen zu können.

Ohrfeige - Abbas Khider


Hier haben wir ein weiteres politisches Buch in unserer Liste. Es handelt sich um Auseinandersetzungen mit Asylheimbewohnern und von Problemen mit den Behörden. Es scheint als wäre das Buch sprachlich sehr vielfältig. Es basiert nämlich nicht nur um eine Rahmenerzählung, sondern es sind irgendwie auch Binnenerzählungen eingebaut und durch drei verschiedene Schreibstile, ist eine Abwechslung auf jeden Fall garantiert. Ich bin sehr gespannt auf den Inhalt, der ja sehr aktuell ist, sowie auf die sprachliche Herausforderung. Wir bekamen das Buch an der Frankfurter Buchmesse von dem Lektor empfohlen und sind sehr gespannt darauf. 

Stadt der Lügen - Ramita Navai


Gleich zweimal ist Teheran in diesen Büchern vertreten. In 'Stadt der Lügen' ist die iranische Hauptstadt sicher die Protagonistin. Erzählt wird von dem, was hinter geschlossenen Türen im geheimen vorgeht, was ein Leben in dieser Stadt bedeutet, wo Grenzen gezogen werden und wo die damit verbundenen Regeln wieder gebrochen werden. Ein hoffentlich vielschichtiges Buch, das wir noch nicht ganz einordnen können - Roman? Episodenroman? Kurzgeschichten? Essays? Sachbuch? Nichtsdestotrotz auf jeden Fall sehr vielversprechend.

A typical girl - Viv Albertine


Wir befinden uns in den Mitte Siebzigern als die Punk Szene so richtig in Fahrt kommt. Die entscheidende Frage nun, wie sieht es mit den Frauen in dieser Szene aus? Ein feministisch geprägtes Buch, das die Geschlechterfolge im Musikbusiness behandelt. Der Titel dieses Buches ist wohl ironisch zu verstehen - im Gegenteil, Viv Albertine wehrt sich gegen jegliche Klischees und möchte eben kein typisches Mädchen sein. Sie ist Musikerin war Mitgründern der Band The Flowers of Romance. Ich habe noch nie einen Musikroman gelesen und bin sehr gespannt darauf, vor allem weil er auch feministische Züge hat und Viv Albertine eine sehr inspirierende Persönlichkeit ist. Ihr Buch wurde mehrfach mit dem besten Buch des Jahres betitelt. Dies macht einem auf jeden Fall etwas 'gwundrig', wie man auf Schweizerdeutsch sagen würde.

Nachts ist es leise in Teheran - Shida Bazyar


Hier haben wir gleich nochmals Teheran. Hier ist die Stadt Ausgangspunkt für eine Fluchtgeschichte, die über viele Generationen hinweg geht und auch politische Aspekte beinhaltet. Es ist der erste Roman, der ich jetzt im Rahmen dieser zehn Bücher vorstellen darf und ich weiss ehrlich gesagt nicht wirklich  viel von der Geschichte, aber was ich darüber gelesen habe, interessiert mich sehr. Aber wenn's um Teheran geht, habe ich einen Tipp für euch: Der iranische Filmemacher  Asghar Ferhadi hat mir die Stadt nämlich so ans Herz gelegt, seine poetischen und schmerzhaften Filme scheinen zwar ein fast schon vollständiges Portrait der Stadt zu zeichnen, welches mir die Stadt aber nur noch schmackhafter macht - jedenfalls zum mich mit ihr auseinanderzusetzen.

Vor der Zunahme der Zeichen - Senthuran Varatharaja


Ich habe jenste Emailromane gelesen und mag diese Art sehr sehr gerne zwischendurch. Sie erinnert mich an früher und ist immer leicht zu lesen. Hier soll das allerdings etwas anders sein. Der Roman wird als höchst philosophisch beschrieben und behandelt wohl eher ernstere Themen. Die Sprache soll wohl trotz des Formats recht anspruchsvoll sein und ich bin gespannt auf dieses Werk. Senthuran Varatharja soll sehr sympathisch sein und ist deutscher Flüchtling aus Sri Lanka. Ich habe bereits eine Kurzgeschichte von ihm im Buch 'Wie wir Leben wollen - Texte über Solidarität und Freiheit' gelesen, welche mir sehr gut gefiel. Von der Zunahme der Zeichen wurde mehrfach ausgezeichnet und ist sein Debütroman.


A wie B und C - Alexandra Kleemann


Was wir ganz genau hier haben, weiss ich auch nicht wirklich. Die drei Protagonist_innen heissen jedenfalls A, B und C oder werden zumindest so genannt. Alexandra Kleeman soll hierbei mit ein bisschen schrägen Einfällen und einem genauen Bild unserer Generation überzeugen. Es geht um unsere Körper und unsere (intimen) Wünsche, was einfach unglaublich interessant klingt. Ich freue mich sehr auf diese wohl höchst experimentelle Lektüre.

Das Gegenteil von Einsamkeit - Marina Keegan

Das Gegenteil von Einsamkeit soll wohl eines der besten Bücher überhaupt sein. Zumindest im Programm der Fischer Bücher. Es wurde uns mehrfach empfohlen und wir freuen uns beide extremst endlich mit dem Lesen zu beginnen. Marina Keegan ist ein paar Tage nachdem sie ihren Abschluss an der YALE University gemacht hatte, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Dieses Buch ist eine Sammlung ihrer Geschichten, die voller Lebensfreude und mit sehr viel Talent geschrieben sein sollen. Das Buch sollte motivieren, seine eigene Bestimmung zu finden, den Sinn des Lebens zu entdecken und auch schlicht und einfach - zu leben. Ein so schönes Thema, wie ich finde, da es einfach immer noch etwas schönes am Leben gibt und ich gerne optimistisch denke. 

Die goldenen Jahre - Ali Eskandarian



Auch das letzte Buch ist natürlich etwas ganz besonderes, und der Titel scheint mir herrlich bedeutungsschwanger, was wir von 2017 erwarten. Dennoch ist die Geschichte um das Buch eher traurig. Der Autor Ali Eskandarian verstarb nämlich einem gewaltsamen Tod und hinterlässt mit 'Die goldenen Jahre' eine Art Autobiographie, die aber aus dem ganz normalen Alltag gegriffen wird - auch wenn der für uns alles andere als normal ist. Er ist kultiviert und intellektuell und verbringt doch ein Vielfaches seiner Abende an ekstatischen Partys, die in Brooklyn oder seiner eigener Fabrikhalle in diesem New Yorker Viertel geschmissen werden. Dennoch hat das Ganze etwas bedrückendes an sich und erzählt nebenbei noch von Emigration in einer pulsierenden Metropole wie New York.




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