Zwei Mädchen, Istanbul-Story von Perihan Magden| Buchbesprechung

11 Februar 2018

Keine Kommentare Share this post
Behiye ist rebellisch, wütend, intelligent und unglücklich – auch wenn sie letzteres niemandem anvertrauen würde, ihrer überängstlichen Mutter nicht und schon gar nicht dem herrischen Bruder, der sie am liebsten in einer untergeordneten Frauenrolle sähe. Bis die 16jährige auf Handan trifft, die Schöne, die Strahlende, die Süße, der man alles verzeiht. Die Teenager sind voneinander fasziniert, es entspinnt sich eine ungestüme, intensive Freundschaft, mitten in der Metropole Istanbul. Jetzt scheint alles möglich. Sie wollen ein anderes Leben, als ihre Mütter es führen, und sie wollen weg aus diesem Land.
Aber ihre Beziehung ist gefährdet. Handans Mutter, dem Wesen nach selbst noch ein Kind, wird eifersüchtig. Der junge Erim, stolzer Besitzer eines Mitsubishi Lancer, interessiert sich mehr für Handan, als Behiye es für richtig hält. Und schließlich wird ein gefährliches Spiel in Gang gesetzt, das zunehmend außer Kontrolle gerät.

Von 'Zwei Mädchen' habe ich noch nie gehört: ich war in einem Buchladen, der nach Ländern sortiert war und habe mich etwas bei der Türkei umgeschaut und bin so auf diesen 'Klassiker' gestossen. Das steht jedenfalls so auf dem Buchrücken, ein Klassiker der modernen Türkei. Das Buch entstand etwa dann, als ich geboren wurde, und erzählt die Geschichte zweier Mädchenseele im Istanbul der heutigen Zeit. Es geht um ihre Gefühle, darum, wie sie wahrgenommen werden und wie sie wahrnehmen. Wie sie sich finden und verlieren, und was Freundschaft und Seelenaustausch bedeutet, in dieser Metropole.

Es ging sehr schnell, bis ich in die Geschichte gezogen wurde. Behiye erzählt uns am Anfang von ihren Gefühlen, während sie durch die Stadt läuft. Sie erzählt besonders vom Gefühl, gerettet zu werden. Ein Gefühl, welches sie viel zu selten empfindet und welches sie tatsächlich rettet, aus der täglichen Misere, aus einem Strudel negativer Gedanken, aus dem Alltagstrott und aus ihrem fade-beschriebenen Leben. Und dann gibt es da Handan, bei der alles niedlich ist. Sie selbst, ihre Kleidung, ihr Zimmer, ihre Mutter. Bei der alles eine heile Welt ist, auch wenn das nicht stimmt und nur vorgelogen wird. Trotzdem finden die beiden in der jeweils anderen etwas, was ihnen ausschlaggebend im Leben fehlt. Und deswegen binden sie sich und ihre Hoffnungen und Erwartungen aneinander. Wir erleben genau 19 Tage, 19 Tage einer Freundschaft und eines Lebens. 

Mehr noch als die Handlung hat mich der Schreibstil von Perihan Magden fasziniert. Sie leiht ihre Stimme der Jugendlichen Behiye, die viel von ihren Gefühlen spricht, sich von ihnen aber verlassen fühlt. Sie versucht aufgrund der Sprache eine neue Welt zu erschaffen, eine buntere, glücklichere und authentischere. Dabei tauchen Wortkreationen auf und längere Paragraphen, die sich in mein Gehirn brannten und mich beinahe in eine Trance verfielen liessen. Man muss sich daran gewöhnen, aber dann will man die einzigartige Sprache nicht mehr loslassen. Die triste Umgebung, die manchmal dennoch mit besonders viel Wärme beschrieben wird und radikal und authentisch vom Alltag junger Mädchen in Istanbul erzählt.



Die Hälfte der Sonne von Chimamanda Ngozi Adichie | Buchbesprechung

07 Februar 2018

Keine Kommentare Share this post

Im Nigeria der Sechzigerjahre kommt der Dorfjunge Ugwu als Houseboy zu Odenigbo, einem linksintellektuellen Professor, bei dem er lesen und schreiben lernt. Als Odenigbos neue Liebe Olanna ihr privilegiertes Leben in Lagos verlässt, um mit ihm zu leben, wachsen die drei schnell zu einer kleinen Familie zusammen. 
Richard, ein englischer Journalist, der in Nigeria Inspiration für sein erstes Buchprojekt sucht, verliebt sich in Olannas ungleiche Schwester Kainene, die die Geschäfte der reichen, aber auch korrupten Familie leitet. Sie alle durchleben durch ihre je eigenen Kämpfe und Erfolge, doch teilen gemeinsam die große Hoffnung auf ein unabhängiges Biafra, das 1967 im Osten Nigerias, wo die Mehrheit der Igbo-Bevölkerung lebt, ausgerufen wird. 
Nur drei Jahre später versinkt das Land in einem blutigen Bürgerkrieg, der Olanna, Kainene und ihre Liebsten brutal aus ihren Leben reißt und alles Dagewesene ausradiert.


Bereits der erste Roman, den ich von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen habe, konnte mich begeistern. Americanah hatte es mir angetan und mich helllicht begeistert. In der Rezension, die ich im Sommer dazu verfasst habe - hier kommt ihr dazu - habe ich euch lange vorgeschwärmt und nahegelegt, weshalb mir dieses Buch so gut gefallen hat. Spätestens da habe ich mich dazu entschlossen, mir ein weiteres Buch der nigerianischen Schriftstellerin zu kaufen, zu lesen und schliesslich zu rezensieren. Die beiden Romane haben viele Ähnlichkeiten - ziemlich naheliegend, da sie von der selben Autorin verfasst worden sind, jedoch unterscheiden sie sich auch in einigen Punkten, die Handlung ist eine ganz andere. Nigeria als Standort, ein für mich noch immer fremdes Land, eine ganz andere Kultur mit unterschiedlichsten Bräuchen und Idealen. Der Einblick darin hat mich sehr begeistert, ich finde das Lesen von Büchern, die in anderen Ländern spielen, bringt einem auf eine ganz spezielle und authentische Art und Weise etwas über fremde Kulturen bei und das habe ich sehr genossen. Hinzu kommt im Fall dieses Romanes, dass er sich in einer anderen Zeit abspielt. Das Buch ist in unterschiedliche Teile gegliedert wobei von den frühen und den späten Sechzigerjahren unterschieden wird. Ende Sechzigerjahre gab es in Nigeria einen schlimmen Bürgerkrieg, den die Bevölkerung aufspaltete. Chimamanda Ngozi Adichie erzählt nicht chronologisch und das hat mir auch schon in Americanah gefallen. 

Chimamanda Ngozi Adichie schreibt unglaublich schön, ich habe zwar "nur" die Übersetzung gelesen, die ich als sehr gut empfinde,  aber dass sie schön schreibt, ist mir schon länger bekannt. Seit ihrer Rede 'We should all be feminists' bin ich ein Fan ihrer Ausdrucksweise, ich bewundere die Art, wie sie Worte rüberbringt. Sie schafft es, eine Stimmung rüberzubringen, wie ich das sonst selten erlebt habe. Die Handlung des Buches ist nicht sehr gross, es passiert über das ganze Buch gesehen nicht besonders viel, aber ich spürte den Drang es zu lesen und zu erfahren, wie die verschiedenen Personen leben, wie sie mit neuen Situationen umgehen und wissen, wie sie sich fühlen. Alles ist ineinander verstrickt und das machte es für mich nur noch viel spannender. Die Hälfte der Sonne ist ein dickes Buch, das ich nicht besonders schnell durch hatte, obwohl ich täglich darin gelesen habe. Je länger ich daran war, desto mehr Gefallen habe ich an dem Buch gefunden, desto tiefer bin ich auch in die Geschichte eingetaucht und desto grösser war das Bedürfnis weiterzulesen. 


Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einem Grossteil der Leser*innen wie mir geht und dass sie sich diesem Roman gerne hingeben und ihn in sich aufnehmen, doch ebenfalls glaube ich, dass es einige starke Gegenstimmen geben wird und kann dies auch zu einem gewissen Punkt nachvollziehen. Wenn einem der Roman thematisch nicht zu sagt, dann kann man nicht viel erwarten, da sich ansonsten nicht viel ergibt. Es geht um Besitzverhältnisse, Familiengeschichten, es geht um die Liebe und das alles eingerahmt durch diesen Bürgerkrieg. Persönlich hat mir Americanah mehr zugesagt, die Aspekte des feministischen Blogs, den die Protagonistin Ifemelu da geschrieben hat und die beiden aufeinander prallenden Kulturen, haben mich begeistert. Hier haben wir zwar etwas Ähnliches, es werden immer wieder Teile von Richards Buch eingefügt, jedoch haben die mich nicht so stark interessiert. Mir reicht es, wenn ich die Stimmung eines Buches in mich aufnehmen kann und es mich somit in einen Bann ziehen kann, ich brauche nicht mehr. Doch wem das nicht genug ist, oder der auf etwas anderes in Büchern aus ist, dem würde ich es nicht ans Herz legen, dieses Buch zu lesen, dafür ist es zu dick und das Lesen wohl ein zu grosser Krampf. Auch wenn es gegen den Schluss wirklich noch einmal sehr spannend wird, die Lage spitzt sich zu und es werden noch einmal ein Paar wichtige und interessante Elemente besprochen. Die Lesereise war sehr aufregend! 

Den Mond aus den Angeln heben von Gregory Hughes | Buchbesprechung

02 Februar 2018

Keine Kommentare Share this post

Bobs Schwester, die Ratte, ist das tollste Mädchen in ganz Kanada. Wenn sie den Fußball durch den Präriegarten dribbelt, ist sie so glücklich wie sonst niemand. Wenn sie aristokratisch spricht, klingt sie wie der größte Snob bei der BBC. Und wenn sie etwas voraussagt, dann tritt es auf jeden Fall ein. Nur wenn der Rapper Iceman im Fernsehen kommt, ist die Contenance der Ratte futsch. Dann biept sie, was das Zeug hält. Denn geflucht wird nicht. Doch von einem Tag auf den anderen müssen Bob und die Ratte ihr Zuhause verlassen - die Frank-Sinatra-Songs zum Aufstehen, ihr Boot am Fluss, Bobs angebetete Lehrerin Miss Gabriela Felipe Méndez, ihren Freund Harold. Und die beiden Waisenkinder aus der Prärie machen sich auf einen verwegenen Roadtrip - quer durch Kanada und bis nach New York.






FREYJA © 2017
Template by Blogs & Lattes

Enter your keyword