Mehr Feminismus! - Chimamanda Ngozi Adichie


"Chimamanda Ngozi Adichie rück die privaten Kämpfe unserer Zeit in den Brennpunkt ihrer Kunst und entwirft so ein schmerzlich präzises Bild unserer Gesellschaft. Sie erzählt von Geschlechterrollen, von Homosexualität, von kultureller Identität, von Schuld und Scham. Adichie ist eine hellwache Beobachterin unserer Gegenwart und eine intime Kennerin der menschlichen Seele."

So beschreibt der Fischer Verlag nicht Chimamanda Ngozi Adichies neuester Wurf, dafür aber das neuste Buch, das auf Deutsch von ihr erschien. Das Buch enthält ihr Manifest 'We Should All Be Feminists', übersetzt 'Mehr Feminismus!', und vier Stories - und weil das Buch einige Inhalte hatte, möchte ich nicht einfach das Buch rezensieren, sondern auch ein bisschen mehr Inhalt bieten, obwohl die meisten wohl dazu führen, dass ich euch Chimamanda Ngozi Adichies Werke einfach so nah wie möglich ans Herz legen möchte. Ich wünsche euch viel Spass!

Auf Deutsch gibt es von Adichie 'Blauer Hibiskus' (Roman / Rezension), 'Americanah' (Roman), 'Die Hälfte der Sonne' (Roman) und 'Heimsuchungen' (Kurzgeschichten) - neben diesem Buch. Ich würde aber allen 'Adichie-Einsteigern' Mehr Feminismus empfehlen. Ihr TED Talk war das erste, was ich von ihr las und was mich restlos begeisterte. Sie kombiniert das Thema 'Feminismus' mit vielen Erfahrungen und Erlebnissen und lässt deswegen auch ihr erzählerisches Können tadellos durchscheinen. Sie durfte damit (natürlich absolut zu Recht) auch viele Erfolge feiern, ausserdem erschien ein Auszug davon in Beyoncés Song '***Flawless'. Aber nicht nur wegen dem grandiosen und vielleicht sogar weltbewegenden Manifest, dass zum Glück den Blick auf afirkanische Feminist_innen und ihre Arbeit schärfte, sondern auch wegen den Stories ist dieses Buch empfehlenswert. Ich habe wahllos zwei Kurzgeschichten aus 'Heimsuchungen' gelesen, die meiner Meinung nach aber alle nicht an diese vier hervorragenden Erzählungen herankommen. In diese möchte ich euch nun nacheinander einen kurzen Einblick geben - jede einzelne zeigte die Qualitäten von Adichies Schreiben auf.



Der weibliche Irrtum
Aus der Sicht ihres fünfzehnjährigen Ichs schildert Adichie nigerianische Traditionen und ihre Bewunderung vor gewissen Menschen, die jedoch sank, als sie begann, der Welt Fragen zu stellen - hier hat mich vor allem ihr Schreibstil fasziniert, ich habe fast jede Seite ein Zitat unterstrichen und hab auch viel gelernt!

Der Schmerz Fremder
Irgendwie kommte ich unfassbar schnell in Adichies Geschichten rein, vielleicht wegen den stark gezeichneten Charaktere. Sie sind immer authentisch und hier - meiner Meinung nach im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Geschichten, die immer eine selbstbewusste Frau als Vorbild haben - auch sehr überraschend. In dieser Story kam eine Situation vor, in der sich die Protagonistin alleine durch das 'klaustrophobische' London bewegt - und diese Stimmung hat sie wahnsinnig gut eingefangen in einer Vollständigkeit, die bewusst einiges auslässt. Das habe ich schon mehrmals mit Adichie erfahren, und vielleicht kann man dies nur nachvollziehen, wenn man von ihr gelesen hat.

Apollo
Hier haben wir einen Jungen als Erzähler und Protagonist - und eine ganz andere Storyline. Diese Geschichte hat mich wahnsinnig berührt, denn sie legt Schmerz und Freude sprachlich sowohl als zeitlich und inhaltlich nah aneinander. Und wieder ist absolut faszinierend, dass ich den Protagonist so sehr nachvollziehen konnte, seine Gedanken und seine Gefühle. Die Thematik gleicht der von den anderen Stories, aber das macht nichts, denn Chimamanda Ngozi Adichie macht aus allen lesenswerte, besondere und wirklich einzigartige Geschichten.

Meine Mutter, die durchgeknallte Afrikanerin
Die letzte Geschichte ist eine der wenigen, die nicht ein Rückblick sind, sondern während einer kurzen Zeit passieren. Es geht - wie fast immer - um die Identität, die zwischen Amerika und Nigeria steckt und von Mutter, Vater und Tochter anders empfunden wird. Vor allem aber das Ausmass davon, der Mix, diese kulturelle Verwirrung, die sich in den Kopf eines jungen Mädchens frisst, weil nichts recht zu sein scheint. Fast schon zärtlich beschreibt Adichie den schrecklichen Mantel, der sogar oder vor allem über schönen Momenten dunkle Schatten wirft - grandios.



Mehr Feminismus! / Fischer Verlag / übersetzt von Annete Grube / Taschenbuch / 8 Euro [D] / 112 Seiten

becoming unbecoming


Verlag: Myriad Editions • Seiten: 224 Seiten • Fassung: Broschiert

"My name is Una. Meaning one, one life, one of many."

Becoming Unbecoming behandelt eines der Themen, das mir am Wichtigsten ist; Feminismus.
Aber auf eine ganz andere Weise. Es erzählt von einer Geschichte, die sich in der Vergangenheit abgespielt hat, von Gewalt an Frauen. Es verbindet den Graphic-Novel-Stil mit einer sehr besonderen, persönlichen, tiefgehenden Geschichte und informiert dabei auf eine ganz angenehme Weise, nicht so belehrend wie ein Sachbuch, dafür aber viel spannender.

Die Kunst des subtilen Erzählens beherrscht Una, womöglich durch den speziellen Stil, wie wenig andere. Schnell kommen in der Leserschaft Gefühle auf, die eigentlich runterziehen. Diese Macht nutzt die Künstlerin, um so nah wie möglich an uns ran zu kommen, um den Schmerz in unsere Haut und Gedanken zu brennen, um uns die Wichtigkeit und die verbotenen Sehnsüchte eines jungen Mädchens ins Herz zu legen, um in unseren Gedanken abscheuliche Bilder zu erzeugen, die von der Wahrheit sprechen und defintiv unser Denken verändern.

Dieses Buch, diese Kunst drückt, drägt und liegt auf keinen Fall bequem an. Im Gegenteil - ein unwohliges Gefühl ist schnell in der Leserin/im Leser da, und dies ist einer der Gründe, weswegen ich Una dermassen bewundere - dass sie uns hinterfragen und vielleicht auch rebellieren lässt.

Milk And Honey von Rupi Kaur

Wenn man jemand zum ersten Mal trifft, schüttelt man die Hände, tauscht Namen und Belanglosigkeiten wie Alter aus, dann kommen vielleicht die Interessen. Wir lernen uns kennen. Natürlich dauert das lange, natürlich beginnt man mit diesen Dingen. Andererseits möchte man dieses Schema einfach mal aufbrechen, denn ich weiss nicht, wer Du bist, wenn ich Dein Alter und Deinen Namen kenne. Rupi Kaur hat mir gezeigt, wie es anders geht. Wie man eine Person umgekehrt kennenlernt, vom Innersten her. Ihre Worte und Gedichte summen schon seit längerer Zeit in meiner Umgebung herum, einige gelangen zu mir und begeistern mich, andere erfuhr ich gerade eben. Ich weiss nicht genau, woher Rupi Kaur kommt oder sonst viel über sie - andererseits kenne ich sie so gut, ich weiss von so vielen ihrer Gedanken und Gefühlen. Ich kenne ihr Verletzen, ihr Lieben. ihr Brechen und ihr Heilen, und damit offenbart sie sich nicht nur mir als Person, sondern offenbart mir auch Welten über einen völlig neuen Umgang mit Sprache. Nicht hochgestochen oder gesucht, sondern geradeheraus, ehrlich und am meisten von allem frei. Ich konnte nicht genug davon kriegen, mehr von dieser Stimme zu hören, diesem Geraunen, dem Flüstern tiefster Gefühle und Faszinationen. Von Augen, Sinnlichkeiten, Familien, Wimpern, Städten, vom Brennen und vom Bitten, von Milch und Honig erzählt Rupi Kaur. Von ihren einundzwanzig Jahren auf dieser Welt. 


Noch nie zuvor entstand für mich ein solch zärtlicher Umgang zwischen Leser_in und Autorin.

Andrews McNeel Publishing / ca. 20 Euro [D]  / 205 Seiten