die sprache des wassers - buchbesprechung {mara}


mixtvision / 230 Seiten / Gebunden / 'The Weight Of Water', Englisch / Cordula Setsman / ca. 15 Euro

Nur mit einem Koffer und einem Wäschesack im Gepäck nehmen sich Kasienka und ihre Mutter auf nach England. Doch das Leben dort ist einsam. In der Schule wird sie mit dem Gespött der Mitschüler konfrontiert, zuhause weint die Mutter dem verschwundenen Vater nach. Nur die Begegnung mit William lässt sie neue Hoffnung schöpfen.

In diesem kleinen Buch steckt so viel, eine wunderbare, berührende Geschichte, welche in aussergewöhnlicher Form erzählt wurde. Die Autorin Sarah Crossan begeisterte mich schon mit 'One', welches chronologisch später erschien als dieses Werk, mit ihrem 'Free Verse'. Wir lesen kleine Gedichte, die nicht nur thematisch etwas gemeinsam haben, sondern einen roten Faden, die gleichen Protagonistinnen und Protagonisten und uns so eine Geschichte erzählen. Diese einzelnen Seite bekommen durch die Versen unglaublich viel Tiefgang, es ist einfacher, so zwischen den Zeilen zu lesen als bei Prosa, was das Buch einerseits zwar einfach macht, aber ich würde es dennoch anspruchsvoll einstufen.

Denn gerade auch die Story, die Kasienka so speziell erzählt, ist keine leichte, im Gegenteil. Dafür legt Sarah Crossan ihrer/unserer Protagonistin behutsam eine solch unglaublich sensible Sprache in den Mund, welche manchmal gewollt poetisch ist, dann wieder so verzweifelt naiv, dass sich ebenfalls eine 'poetische' Ehrlichkeit und eine tiefe Wahrheit darin verbergen. Sie versteht, dass der Schmerz oft von Unverständnis und der daraus resultierenden Unsicherheit überdeckt wird, aber gerade bei der Selbstreflexion einen ungeheuer grossen Raum einnimmt. Die Balance von beidem zu finden, einmal das grosse Fragezeichen, gefolgt von einer kläffenden Leere, dann aber auch der blinde, stechende Schmerz, ist wahrlich eine Meisterleistung und hier wunderschön ausgewogen zu finden.

Ich habe beim Lesen ihrer Bücher immer das Gefühl, alle Bücher müssten in Free Verse geschrieben sein, dass dies der einzige Weg sei, um Gedanken wirklich freien, unbeeinflussten Raum zu geben - es wirkt so natürlich und echt auf mich als Leserin, und so anders, intensiv und inspirierend auf mich als Schreiberin.

vivre avec des livres - alles neu

Nun sind wir zu zweit. Also eigentlich schon seit der Buchmesse in Frankfurt - wir sind Mara und Anaïs und von nun an führen wir vivreavecdeslivres zusammen. Vielleicht haben es einige schon bemerkt, dass in letzter Zeit nicht wie gehabt nur Mara die Posts verfasst hatte, sondern sie dabei etwas Unterstützung erhalten hat. Mit dieser gehen auch weitere Veränderungen einher. Wir wollen euch jetzt und hier darüber ein bisschen informieren. 


Beginnen wir bei unseren Kategorien. Wie gehabt werdet ihr bei uns Buchbesprechungen finden, in gewöhnlicher Form oder im Rahmen unseres Projekts livresque amitié. Weiter möchten wir uns und euch das Thema Feminismus näher bringen, öfter darüber lesen, schreiben und berichten. Sicher einmal im Monat erwartet euch ein Post rund um dieses uns so wichtiges Thema. Etwa im selben Rhythmus werden wir euch in unserer neuen Kategorie: Filmbesprechungen, einen Filmtipp ans Herz legen, oder uns kritisch über diese bewegten Bilder äussern. Hier, wie auch in der Literatur möchten wir den Augenmerk nicht mehr unbedingt auf Neuerscheinungen legen, sondern auch ältere Werke mit einbeziehen und euch vorstellten. Genau so entfernen wir uns ein bisschen von der Jugendliteratur und wenden uns mehr und mehr der Erwachsenen Belletristik zu. Gegen Ende des Monats werden wir euch berichten, wie wir diesen erlebt haben, im persönlichen und kulturellen Sinne. Einen weiteren Fokus legen wir von nun an auf das Schreiben, sei es in kurzen Essays oder einfachen Gedankengänge, die wir mit euch teilen. Hin und wieder trauen wir uns auch in die 'wilde welt' hinaus und zeigen euch, welche Konzerte, Theater, Museen oder Ausstellungen wir sonst so besucht haben. Eine weitere Rubrik, die uns sehr am Herzen liegt.
Jeden Mittwoch und jeden Sonntag erwartet euch genau hier ein neuer Beitrag von uns. Seit der Buchmesse haben wir jeden Post gemeinsam, neben einander sitzend oder am Telefon besprechend, verfasst. Dies wird auch so bleiben, nichtsdestotrotz werden auch einzelne Beiträge von uns hochgeladen und dies wird dann dementsprechend gekennzeichnet.
Übrigens haben wir auch einen Instagram Account erstellt und es würde uns sehr freuen, wenn ihr uns auch hier verfolgen würdet.

Wir sind gespannt und freuen uns sehr, wir hoffen natürlich, ihr alle auch!


Der Junge im gestreiften Pyjama | livresque amitié

Fischer Verlag / 270 Seiten / Taschenbuch / "The Boy In The Striped Pyjamas", Englisch / Brigitte Jakobeit

Die Geschichte von 'Der Junge im gestreiften Pyjama' ist schwer zu beschreiben. Normalerweise geben wir an dieser Stelle ein paar Hinweise auf den Inhalt, aber bei diesem Buch - so glauben wir - ist es besser, wenn man vorher nicht weiss, worum es geht. Wer zu lesen beginnt, begibt sich auf eine Reise mit einem neunjährigen Jungen namens Bruno. (Und doch ist es kein Buch für Neunjährige.) Früher oder später kommt er mit Bruno an einen Zaun. Zäune wie dieser existieren auf der ganzen Welt.

Anaïs: Nun ist es schon wieder ein Weilchen her seit wir das Buch gelesen haben, aber ich habe es noch ziemlich genau im Kopf. Ein wirklich sehr eindrückliches Werk, das wohl alt und jung berührt. Weil es einfach ganz toll geschrieben ist- einfach, berührend, hart.

Mara: Du bringst es ziemlich genau auf den Punkt. Mir wurde es so oft empfohlen, bevor ich dann endlich danach griff, und zwar von den unterschiedlichsten Menschen, wie du schon sagtest. Jung und alt, Viel- und Sonntagsleser_innen. Diese Tatsache allein hat mich schon auf das Buch gespannt gemacht, und ich wurde nicht enttäuscht. Ob es wirklich so hart ist, weiss ich gar nicht, bis auf das Ende natürlich, aber eigentlich wird es nur durch unser Wissen und Brunos Unwissen über die Situation so hart, nicht wahr? Denn der Text an und für sich scheint mehr oder weniger unbekümmert. Aber genau darin liegt ja das Spezielle dieses Buches, oder Fabel, wie es auf der ersten Seite beschrieben wird. Was sagst du dazu, ist das Buch für dich eine Fabel?


Anaïs: Hart ist es aus dem Grund, den du genannt hast. Die Tatsachen und Fakten sind in dem Sinne hart, da wir sie besser kennen als Bruno. Ich habe so eben noch einmal die Definition einer Fabel nachgeschlagen und Wikipedia hat mir folgende geliefert: Eine Fabel ist eine kurze Geschichte, in der meist Tiere die Hauptrolle spielen, und die Leser moralisch belehren will. Also Bruno ist definitiv kein Tier - also auf alle Fälle schon einmal eher untypisch für eine Fabel, aber ich eigentlich werden wir als Leser_in schon belehrt. Des Menschens Blindheit, Naivität und auch Ignoranz gegenüber Dingen wird auf jeden Fall indirekt sehr stark kritisiert. Das ist zumindest meine Interpretation des Buches. Da die Geschichte auch eher kurz und kompakt ist, kann man sie durchaus als Fabel bezeichnen, aber eigentlich sollte irgendwie ja jede Geschichte eine Moral haben und von daher finde ich den Begriff der Fabel nicht hundertprozentig zutreffend.

Mara: Ich war ebenfalls ein bisschen erstaunt, als ich das Buch nochmals aufschlug und auf diese Bezeichnung stiess. Aber ich kann durchaus nachvollziehen, weswegen sie diese gewählt haben. Ich weiss gar nicht, ob das Buch so stark belehrt oder kritisiert - ein kritischer Text ist es ja auf jeden Fall. Allerdings finde ich gerade hier so spannend, dass nie richtig Stellung genommen wird, da ja alles aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird. Meiner Meinung nach zeigt das Buch vor allem auch, wie Boyne auch in seinem Nachwort meint, dass Kinder noch vielmehr eine neutrale Position habe, die einzig und allein vom gesunden Menschenverstand gefärbt wurde, und dass Erwachsene davon meistens viel seltener Gebrauch machen...


Anaïs: Gerade eben durch die Augen eines Kindes, finde ich den Text sehr kritisch. Wenn man bedenkt, dass der Text von einem erwachsenen Menschen geschrieben worden ist, dann finde ich schon, dass er sich durch diese neutrale Perspektive des Kindes kritisch gegenüber Erwachsenen äussert. Ich mag mich erinnern, dass wir an der Buchmesse mit Lucas, dem Azubi des Fischer Verlags, über dieses Buch gesprochen haben. Wenn ich mich recht erinnere, fandet ihr beide das Ende des Buches nicht so gut. Mir hingegen hat es gefallen. Ich möchte jetzt hier nicht zu viel vorweg nehmen - für diejenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben. Aber würdest du noch einmal erläutern, weshalb dir das Ende nicht so gut gefiel? 

Mara: Denkst du, dass die Ignoranz kritisiert wird? Erwachsene sind ja sehr selten im Buch vorhanden, und wenn, dann ist ihre Position klar. Ich sehe schon ein, was du meinst und stimme natürlich dieser kritischen Haltung auch zu, aber ich erkenne sie jetzt nicht direkt im Text. Das Ende hingegen nimmt für mich viel zu viel Raum ein, kommt zu plötzlich und drängt uns noch mehr in diese Rolle der 'Allwissenden' gegenüber Bruno. Es kommt abrupt und ja, ist bekümmerlich. Aber ich mag nicht, wie damit Mitgefühl von uns erzeugt wird, es wirkt nicht so recht natürlich auf mich...

Anaïs: Bei der Ignoranz habe ich vor allem an Brunos Mutter gedacht, die ja anscheinend mit den Tätigkeiten in ihrem Hause nicht zufrieden ist, aber doch nichts dagegen unternimmt. Ebenfalls die Position der beiden Angestellten. Das Ende habe ich so, wie du es hier beschreibst, nicht empfunden. Aber du hast natürlich recht - es kommt viel zu schnell und weckt Mitleid.


Mara: Ich empfand es einfach irgendwie plump, im Gegenteil zu allem anderen, was er ja sehr feinfühlig in das Buch integriert - ebenso wie diese Kritik, da muss ich dir zustimmen, ich hatte das nicht mehr so ganz im Kopf, aber jetzt, wo du die Charaktere ansprichst, stimmt... Ich denke, dass das Buch ähnlich ist wie 'Le Petit Prince' - man kann es als Kind, als Jugendliche_r oder als Erwachsene_r lesen und jedes Mal empfindet man es anders und entdeckt etwas Neues. Das hoffe ich zumindest und ich nehme an, dass ich das Buch nicht zum letzten Mal gelesen habe.

Anaïs: Leider habe ich 'Le Petit Prince' immer noch nicht gelesen, das steht schon seit über einem Jahr in meinem Regal... Aber hoffentlich werde ich dieses hoch philosophische Werk auch einmal noch lesen. 'Der Junge im gestreiften Pyjama' ist auf jeden Fall ein moderner Klassiker, den man einfach gelesen haben muss. Ein Buch, das einem im Kopf bleibt.