Grenzlandtage von Peer Martin und Antonia Michaelis | Buchbesprechung


Zwei Wochen Ferien liegen vor Jule, zwei Wochen Frühling auf einer winzigen griechischen Insel. Das Meer ist blau, die Nächte sternenklar, und das Dorf duftet stets nach frischem Brot. Alles scheint perfekt. Bis Jule den Jungen mit der verbundenen Hand trifft. Bis sie begreift, wer er und die anderen sind, die im Verborgenen leben. Jules Welt gerät aus den Fugen. Denn das Meer ist ein Grab, das Dorf ein Ort des Misstrauens, und die Nächte sind kalt. Und quer durch die Wellen läuft eine Grenze, die niemand sieht. Eine tödliche Grenze.


Oetinger | Original Deutsch | Taschenbuch | 13,99 Euro [D]

Ich konnte meinen Augen zuerst gar nicht trauen, aber schlussendlich hielt ich dann selbst ein Exemplar in der Hand. Tatsächlich, Antonia Michaelis, die Worte in Bilder verwandelte, Buchstaben in wundersame Kreaturen und Texte in flüssiges Gold, und Peer Martin, der scharf und dennoch feinfühlig von brisanten Themen berichtet und die geschickt und galant einzubauen weiss, der mich absolut und völlig von seinem 'Sommer unter schwarzen Flügeln' überzeugen konnte, dass ich fast schon mit tatsächlich hohen Temperaturen mitfieberte, ob der Roman nun den wohlverdienten deutschen Jugendbuchpreis gewinnen wird oder nicht. (Übrigens - ja, hat er dann glücklicherweise auch.)



Davon abgesehen ist schwer in Worte zu packen, welche Vorfreude mein Blut durchfloss, während ich kaum erwarten konnte, mich ihn ihren verwebten Worten zu verlieren. Vorfreude ist die schönste Freude, fällt mir da prompt ein, aber ich muss diese Redewendung wohl zum ersten Mal wirklich negieren. Vielleicht auch nicht ganz, denn so toll und bewegend das Lesen war, so harte Themen packt das Buch auch in Worte. Es ist nicht immer ganz leicht, Jugendliche zum Lesen zu bewegen. Und wenn, hängen sie oft in Fantasywelten umher. Dabei sind sie in diesen Zeiten wohl am stärksten - nun ja, gut, auch wenn ich mit der Wortwahl nicht ganz zufrieden bin - am beeinflussbarsten. So kann sich eine Erfahrung, so hat sich das Buch nämlich angefühlt, unglaublich prägend auswirken. Ich greife zu so vielen Bücher aus einer gewissen Art von Wissbegierigkeit - nein, ich bin nicht eine, die liebend gerne zur Schule geht, aber wenn ich bedruckte Seiten sehe und mir vorstelle, wie viel mehr ich danach wissen, kennen, erfahren habe, dann kann ich mich nur schwer zurückhalten. Und dieses Buch hat mir unglaublich viel gegeben. Dabei bin ich nicht mal so unwissend oder unpolitisch wie unsere Protagonistin Jule, im Gegenteil, ich beschäftige mich viel mit der Flüchtlingskrise und Flüchtlingen selber, sowie deren Situation hier in der Schweiz. Trotzdem konnte ich mich unglaublich gut mit Jule identifizieren. Sie ist 17 und macht gezwungenermassen alleine Ferien auf einer griechischen Insel, und nicht nur ist mein Traum schon lange mal das eigene Verreisen, das Entdecken auf eigene Faust, diese Selbstbestimmtheit zu spüren, nein, ich war auch schon zweimal auf griechischen Insel und habe das Lebensgefühl und die Mentalität dort tief eingesogen. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, wenn ich ganz ehrlich bin. Denn die Gerüche, die Klänge, das Gefühl von Freiheit und Unbändigkeit wird so voller Inbrust beschrieben, dass ich mit Jule mitgereist bin und auf dieser kleinen griechischen Insel gelandet bin, ganz unverhofft, aber unglaublich glücklich.

Durch die Geschichte ziehen sich der Schmerz von neuen intensiven Erfahrungen und Begegnungen wie durch das echte Leben, prägende Momenten wird so schmerzvoll Eindruck geschaffen, als hätte sich wirklich etwas durch die Haut gebrannt. Antonia Michaelis schreibt schon lange so, als würde sie mehr als andere Autor_innen verstehen. Sie reiht nicht nur Worte aneinander, um eine andere Realität wiederzugeben, sie weiss auch die Fantasie, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, ihre Düsterheit und manchmal eben auch ihre Verletzlichkeit, so wie hier. Peer Martin kenne ich da leider schlecht, aus seiner eigenen Feder habe ich bisher 'nur' etwa 500 Seiten gelesen, aber sie haben mich von ihm absolut überzeugt, als brillianter Geschichtenerzähler, der nicht nur weiss, wie man mit Romantik umgeht, sondern auch so viel mehr macht, als man von der Ausgangslage erwarten würde. Sie beide in Kombination, und ich weiss, davon habe ich nun schon oft geredet, haben ein beinahe zeitloses Werk geschaffen, dass wie kein vergleichbares von Anfang bis zu Ende erzählt. Es spielt nicht, wie viele andere, im Land der Asylanträge. Es spielt auch nicht eine ganze Flucht durch, denn sie scheinen genau zu wissen, dass es für jemanden ohne solche Erfahrung unmöglich ist, eine Erlebnis wie dieses nachzukonstruieren. Hingegen wissen sie genau, wo wir stehen, wie wir mit Flüchtlinge in Kontakt kommen könnten und spielen das ganze Szenario durch, voller Unverständnis und Verleugnung manchmal, aber am Ende ist es die Wahrheit, die Ehrlichkeit, die tief in uns allen steckt, die siegt. Und ich weiss, wie unglaublich kitschig sich das jetzt anhören mag, deswegen möchte ich euch eine der schönsten Liebesgeschichten empfehle, eines der wichtigsten und prägendsten Bücher für Jugendliche, die jetzt während der Flüchtlingskrise scheinbar 'normal' weiterleben - lest dieses Buch, bitte.

lissabons schönste buchhandlungen

an keinem anderen ort sind die farben aus so vielen farben gemacht wie an diesem. 
- José Cardos Pires über Lissabon





Mitte Februar bin ich zum ersten Mal seit Jahren mit meinen Eltern alleine in einer Stadt gewesen. Alleine deshalb, weil wir meinen Bruder nur begleiteten. Er hatte ein Trainingslager in der Nähe von Lissabon, wir drei machten einen wunderschönen Städtetrip. Schon die ersten zwei Stunden, die ich in dieser Stadt verbracht habe, waren magisch: ich habe mich verliebt. Selten habe ich so viel gestaunt und ich bin wahnsinnig beeindruckt, wie viel die Hauptstadt Portugals zu bieten hat. So wunderschöne Häuser, eine wahnsinnig tolle Architektur. Alle alt mit ganz viel Charme,  nicht herausgepützelt aber auch nicht abgefuckt - eine perfektes Mittelmass. Ich war bisher in keiner Stadt mit soooo vielen Plätzen und Farben. Ein reines Spektakel. 

B U C H H A N D L U N G E N 

livraria bertrand
Die Livraria Bertrand ist die älteste Buchhandlung der Welt. Seit 1732 wurde sie durchgehend betrieben. Ich bin zufällig an sie herangelaufen, wollte sie allerdings früher oder später sowieso noch aufsuchen. Sie soll nämlich auch eine der schönsten Buchhandlungen der Welt sein. Sie ist wunderschön mit Holz ausgestattet und hat innen ganz hohe Räume, die Decken sind gewölbt. Durch die Architektur kann man sich nur zu gut vorstellen, dass es diese Buchhandlung schon ein Weilchen gibt. Leider sind alle Bücher nur auf Portugiesisch verfasst und das Stöbern blieb somit für mich, der Sprache wegen, aus (vielleicht auch gar nicht so schlimm, ich hätte wahrscheinlich zu viel Geld da gelassen...). Die Buchhandlung befindet sich im Quartier Chiado an der Rua Garett 73. Rund um dieses Geschäft gibt es hundert andere Läden, die alle nicht besonders erwähnenswert sind (ihr kennt sie eh schon alle; Zara, Mango, H&M...). Wie viele Häuser in Lissabon hat auch dieses Gebäude auf der einen Seite eine Mosaikwand, zugegeben es erinnerte einen teils an eine Badezimmerwand. Aber ich finde Gefallen daran, ich liebe solche Muster! 






livraria sà da costa
Nicht weit von der ältesten Buchhandlung der Welt befindet sich die Livraria Sà da Costa, nämlich ebenfalls an der Rua Garett 100. Im Gegensatz zur Livraria Bertrand haben wir es hier nicht mit zeitgenössischen Werken zu tun, sondern mit antiken. Auch hier waren die meisten Bücher auf Portugiesisch verfasst, doch der Anblick der Buchrücken und Covers hat mir schon gereicht, um mich faszinieren zu können. Es gab verschiedene Ständer mit alten Landkarten, die man sich anschauen konnte und auch andere kleine Dinge, wie zum Beispiel Globen, waren ausgestellt. Ich habe mich allerdings nicht getraut, auf die Preisschilder zu schauen, mit diesen antiken Büchern ist nicht zu spassen! Auf jeden Fall ein Blick Wert diese Livraria Sà da Costa in Chiado, vor allem für Sammler und Sammlerinnen kann es hier interessant werden.





livraria ler devagar
Auf diese Buchhandlung war ich am meisten gespannt! Auf allen Bildern sah sie so speziell und riesig aus, ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Ich wurde definitiv nicht enttäuscht. In Alcantara in Lissabon gibt es ein riesiges Fabrikgelände mit alternativen Läden, gefüllt mit schrägem nicht so schönen, aber auch kreativem schönen Krimskrams, schönen Cafés und Restaurants sowie verschiedenen Grafittiwänden und tollen Fotokulissen. Die LX- Factory ist definitiv einen Besuch wert und gibt der Stadt gleich noch einmal ein etwas neues Flair. Die Buchhandlung ist ein Antiquariat und ein reiner Blickfang. In einem riesigen Raum mit Bücherregalen bis zur Decke kann man Bücher und CD's bewundern. Es gibt Treppen, die scheinen, als flögen sie von der Decke herunter und die Fotokulisse ist einfach genial. Auch hier waren fast alle Bücher auf portugiesisch, aber ich bin trotzdem froh, einen Fuss in diesen Laden und das ganze Gelände gesetzt zu haben. Ein reines Spektakel und ein Muss für Bücherfans - ihr werdet nicht enttäuscht sein! Die LX- Factory befindet sich an der Rua Rodrigues de Faria 103 in Alcantara.







Erschlagt die Armen von Shumona Sinha | Buchbesprechung


Eine junge Frau schlägt einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf und findet sich in Polizeigewahrsam wieder. Dort soll sie sich erklären: Was treibt eine dunkelhäutige Frau indischer Abstammung, die in der Asylbehörde als Dolmetscherin zwischen Asylbewerbern und Beamten vermittelt, zu einer solchen Tat? Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Antragsteller, deren offensichtliches Elend der Behörde nicht reicht - und ist angewidert vom System, dessen Teil sie geworden ist. Als Migrantin bleibt sie fremd in den Augen der Beamten, aber auch ihren ehemaligen Landsleuten ist sie entfremdet - als eine, die es geschafft hat. Schliesslich scheint es auch für sie in der menschengemachten Enge der Welt eine andere Begegnungen als den Angriff zu geben.

Nautillus Verlag | 130 Seiten | Original Französisch | übersetzt von Lena Müller | Gebunden | ca. 19.99 Euro [D]


Ich habe viel von Shumona Sinha gehört, viel über besonders diesen Roman gelesen, viele Fragen und Ideen gehabt, nachdem ich den Klappentext gelesen habe. Mir schien eine gewisse Ähnlichkeit und natürlich auch grosse Differenz zu Abbas Khiders Ohrfeige (ein Buch, welches wir kürzlich besprochen haben: klick) aufzuweisen - es geht um das Asylsystem in einem Land der EU und um einen Gewaltakt. Während dieser in Ohrfeige aber verübt wird, um Worten Gehör zu verschaffen und einem Asylbewerber eine Stimme und Identität zu geben, wird hier zwar auch eine Figur vorgestellt, die viel zu sehr im ganzen System verschwindet, aber die Gewalttat verübt, weil es Worte nicht können. Und so habe ich auch den ganzen Roman ein wenig wahrgenommen - er ist natürlich gefüllt von Worten, wunderschönen und bittertraurigen Worten, aber ich habe nur Momentaufnahmen mitgenommen und kein grosses Gedanken. Ich nehme euch heute also mit auf diese wundersame Reise durch einen mir sehr komplex erscheinenden Roman - denn ich habe während dem Lesen vier Mal meine Gedanken in einer Art Lesejournal niedergeschrieben und möchte die nun mit euch teilen - ebenso wie manche Worte aus dem Roman, die mir geblieben sind, die grosse Stärke von Shumona Sinhas Schreiben, wie ich finde.

Seite 35

"Das Leben ist ein Monolog. Auch wenn man glaubt, ins Gespräch zu kommen, ist es nur das zufällige Zusammentreffen von zwei Monologen, die vielleicht ein wenig verwundert voreinander zum Stehen kommen. In den Büros trafen Fragen und Antworten aufeinander, ohne in Kontakt zu treten."

Ich fühle mich noch nicht richtig angekommen, noch nicht richtig versanden und frage mich, ob sich daran noch etwas ändern wird. Ich kann weder eine Sympathie noch eine Antipathie zur Protagonistin aussprechen und bleibe so eher verwundert. Auf extrem poetische Passagen folgen mir nicht ganz nachvollziehbar scheinende Gedankengänge. Die Spannung bleibt also, ist vielleicht sogar noch gestiegen, gleichzeitig verspüre ich keinen wirklichen Drang, weiterzulesen.

Seite 63

"Es war einer der Tage, an denen man die Hände ins Licht tauchen kann wie in Honig."

Mittlerweile, zumindest auf den letzten paar Seiten dieses Abschnitts, bin ich schon mehr angekommen und Sinhas schöne Wortetrugen mich wie als Fluss - wahrscheinlich hat dies damit zu tun, dass sie mal zusammenhängend waren - denn schön oder treffend sind sie fast immer, aber es sind wie einzelne Blütenblätter, die als Gesamtes eben keine Rose ergeben. Ich hangle mich mehr den Worten nach anstatt entlang der Handlung oder der Protagonistin. Denn auch wenn ich sie nun vielleicht besser verstehen vermag, werde ich doch nicht so richtig warm mit ihr. Da das Buch nur etwas mehr als 120 Seiten besitzt, wird es auch höchste Zeit, anzukommen - in der Mitte des Buches.


Seite 95

"Er gehört zu keinem Land. Er gehört nur sich selbst. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, erinnert er sich nur an die Grenzen. [...] Er sammelt Grenzen. Er sammelt Stacheldraht, tauben Wind und Leere."

Während sich in den vorherigen Abschnitten Szenen aus ihrem Büro und Beschreibungen geographischer Tatsachen aneinanderreihten, wurde ich hier endlich von der heissersehnten Selbstreflexion der Protagonistin, die sich jedoch immer noch nicht fassen lässt, überrascht. Auf andere, physischere Weise als erwartet. Ich kann der Handlung, die sich zu verändern scheint, allerdings immer noch kaum folgen, alles fühlt sich so wirr an.

Seite 130

"[...] die man Entwicklungsländer nennt, was den Eindruck erwecken soll, es gäbe Veränderung, es gäbe Entwicklung, weil das Elend nicht nur den Elenden Angst macht, sondern auch denen, die im Warmen sitzen."

Irgendwie war das Buch nichts für mich. Und versteht mich nicht falsch, ich brauche nicht immer klar fassbare Protgonist_innen, klar fassbare Handlungen oder überhaupt irgendeinen eingrenzenden Rahmen. Ich schätze Sinhas Talent dafür, Worte klingen zu lassen - sie startete nämlich auch als Dichterin, und in diesem Genre sehe ich sie ganz eindeutig als Meisterin ihres Gebiets, ohne bloss irgendein Lyrikstück ihrerseits gelesen zu haben. Vielleicht habe ich das aber auch getan, denn so fühlt sich der ganze Roman irgendwie an. Schleierhaft, zusammenhangslos, aber schön. Das Problem ist nur, dass doch eine Geschichte, eine wundersame, erzählenswerte Geschichte dahintersteckt, dass einer Person wie ihr selbst eine Stimme zu schenken ist, und doch höre ich sie nicht - vielleicht war hier und da ein Ansatz, ein Flüstern.

Die schönen Worte rieseln wie feine Kristallsplitter durch meine geöffneten Hände, und irgendwie bleibt da leider so wenig zurück, beinahe Nichts, ein Hauch von Nichts. Kristalle riechen nicht besonders, dabei wäre ich mit einem strahlenden, blütenähnlichen Duft genauso zufrieden gewesen wie mit einem strengen, von Angst und Schmerz genährten Geruch.
Doch, da ist ein kurzer Moment, indem ich alles gleichzeitig rieche, aber dann ist das Buch auch schon vorbei. Und vielleicht hat es damit ja auch sein Ziel erreicht, so aufgewühlt, wie es mich zurücklässt.